RĂŒckblick auf Einfluss und Wirken von Rudi Gutendorf fĂŒr die TuS Koblenz. Im Gedenken an eine groĂartige FuĂballpersönlichkeit anlĂ€sslich seines 100. Geburtstags am 30. August 2026.
Einen Artikel zum Gedenken an eine bedeutende verstorbene Persönlichkeit zu verfassen, ist niemals eine leichte Aufgabe. Umso mehr gilt dies, wenn es sich um jemanden von der Strahlkraft und dem Einfluss eines Rudi Gutendorf handelt. Es ist eine gleichermaĂen groĂe Ehre wie Herausforderung. Rudi Gutendorf ist einer der ganz groĂen Namen, die einem im Zusammenhang mit der TuS Koblenz einfallen, ganz gleich, ob man dem Verein seit Jahren eng verbunden ist oder die TuS eher vom Hörensagen kennt. Rudi Gutendorf war zweifellos eine der bekanntesten, weltoffensten und einflussreichsten Persönlichkeiten, die je das Trikot der TuS getragen und den Verein auch ĂŒber ihre aktive Karriere hinaus geprĂ€gt haben. DarĂŒber hinaus war er weit mehr als nur eine Vereinsikone: Gutendorf gehörte zu den schillerndsten und international renommiertesten Figuren, die der FuĂball insgesamt hervorgebracht hat. Auch fast sieben Jahre nach seinem Tod im Jahr 2019 lebt sein Erbe fort: nicht nur durch den nach ihm benannten Weg zwischen LĂŒtzel und Neuendorf, der dort, wo fĂŒr den jungen Kicker Gutendorf damals alles begann, an ihn erinnert, oder durch die zahlreichen Biografien, die sein langes und ereignisreiches Leben dokumentieren, sondern vor allem durch unzĂ€hlige Momente, Begegnungen und Erinnerungen insbesondere auch rund um die TuS Koblenz, die sein VermĂ€chtnis lebendig halten und in den Herzen vieler Menschen weiterleben.
Rudi Gutendorf wurde am 30. August 1926 in Koblenz geboren. Gemeinsam mit seinem Bruder Werner, der spĂ€ter ebenfalls erfolgreich FuĂball spielen sollte, wuchs er im damaligen Arbeiterstadtteil LĂŒtzel auf. Schon frĂŒh entwickelte sich FuĂball zu seiner groĂen Leidenschaft. GeprĂ€gt wurden er und sein Bruder hierbei nicht zuletzt durch seinen Vater, der die Begeisterung fĂŒr den Sport an seine Söhne weitergab. Anfangs wurde noch auf den StraĂen rund um den Brenderweg zwischen LĂŒtzel und Neuendorf mit den Kindern aus der Nachbarschaft gespielt, doch schon bald trat Gutendorf dem örtlichen Verein VfB LĂŒtzel bei. Dort war sein Vater bereits seit Jahren engagiert, unter anderem als Kassenwart, sodass es nahelag, dass auch Rudi und Werner fĂŒr die Jugendmannschaften des Vereins aufliefen. Schnell zeigte sich Gutendorfs groĂes Talent und sein Ehrgeiz. Bereits 1939 wechselte er in die Jugendmannschaft des Nachbarvereins TuS Neuendorf. Im selben Jahr begann in Europa der Zweite Weltkrieg: eine Zeit voller Angst, Schrecken und Ungewissheit, die auch das Leben des damals 13-jĂ€hrigen Rudi Gutendorf und seiner Familie nachhaltig prĂ€gen sollte.
Trotz der schwierigen politischen und gesellschaftlichen UmstĂ€nde dieser Zeit konnte Rudi Gutendorf bei der TuS Neuendorf sein fuĂballerisches Können weiter ausbauen und sich zu einem durchsetzungsstarken, torgefĂ€hrlichen Spieler entwickeln. Auch ĂŒber die Vereinsgrenzen hinaus blieb sein Talent nicht unbemerkt: Mehrfach wurde er in die Gebietsauswahl berufen und vertrat gemeinsam mit anderen vielversprechenden Spielern seine Region. WĂ€hrend sich seine sportliche Laufbahn vielversprechend entwickelte, forderte der Krieg zunehmend seinen Tribut. Immer mehr junge MĂ€nner wurden an die Front eingezogen und kehrten oft nicht zurĂŒck. Auch die erste Mannschaft der TuS Neuendorf um den legendĂ€ren Nationalspieler Jupp Gauchel war stark ausgedĂŒnnt und dringend auf VerstĂ€rkung angewiesen. So wurde es fĂŒr den heranwachsenden Gutendorf im Jahr 1942 trotz des traurigen Hintergrunds zu einer besonderen Ehre, als ihn der Nationalspieler Gauchel in die erste Mannschaft holte. Als RechtsauĂen der berĂŒhmten TuS-Elf ahnte der junge Rudi jedoch noch nicht, dass seine Freude ĂŒber den Sprung in die erste Mannschaft schon bald von schweren und verlustreichen Jahren im Kriegsdienst ĂŒberschattet werden wĂŒrde.
Nach harten und entbehrungsreichen Kriegsjahren, die fĂŒr Rudi Gutendorf in französischer Kriegsgefangenschaft und einem gesundheitlich Ă€uĂerst kritischen Zustand endeten, kehrte er schlieĂlich nach Koblenz zurĂŒck. Wie viele seiner Generation war er durch den Krieg gezwungen, frĂŒh Verantwortung zu ĂŒbernehmen und von einem Tag auf den anderen erwachsen zu werden. In seiner Heimat an Rhein und Mosel fand er ein zerstörtes Elternhaus vor, der Vater war gefallen, und es mangelte an nahezu allem. Die Last, fĂŒr seine Familie zu sorgen, wog schwer auf Gutendorfs Schultern. Halt und Zuversicht fand Gutendorf in dieser Zeit vor allem im FuĂball, in der Kameradschaft der Mannschaft und in der Ablenkung, die ihm der Sport bot. Wie durch ein Wunder kehrten alle Spieler der damaligen TuS-Elf lebend aus dem Kriegsdienst zurĂŒck, sodass zumindest fuĂballerisch an alte Zeiten angeknĂŒpft werden konnte.
Sportlich folgten erfolgreiche Jahre fĂŒr die TuS Neuendorf. Unter Trainer Jupp Gauchel qualifizierte sich 1948 die inzwischen als SpVgg Neuendorf antretende Mannschaft als Dritter hinter dem 1. FC Kaiserslautern und dem 1. FC SaarbrĂŒcken fĂŒr die Endrunde um die deutsche Meisterschaft. Im Viertelfinale traf die SpVgg Neuendorf auf den Favoriten Hamburger SV um Erwin Seeler. Nach einem 0:1-RĂŒckstand konnte die Koblenzer Elf um Spielertrainer Jupp Gauchel die Partie drehen und sorgte mit einem 2:1-Sieg im Dortmunder Stadion Rote Erde fĂŒr groĂe Begeisterung. Den Höhepunkt bildete schlieĂlich das Halbfinale in Wuppertal vor rund 50.000 Zuschauern gegen den 1. FC Kaiserslautern. Auch wenn die SpVgg Neuendorf/TuS deutlich mit 1:5 unterlag, bleibt dieses Spiel wohl als einer der gröĂten Momente der Vereinsgeschichte in Erinnerung.
Bis 1953 bestritt Rudi Gutendorf insgesamt 93 Oberligaspiele fĂŒr die TuS Neuendorf. Die Oberliga stellte damals bis zur EinfĂŒhrung der Bundesliga im Jahr 1963 mit ihren fĂŒnf regionalen Staffeln die höchste Spielklasse im deutschen FuĂball dar. Eine lĂ€ngere krankheitsbedingte Pause fĂŒhrte ihm jedoch vor Augen, dass seine aktive Laufbahn nicht von Dauer sein wĂŒrde. So begann er, sich ein zweites Standbein aufzubauen: Der Start einer auĂergewöhnlichen Trainerkarriere, die ihn spĂ€ter mit einer Rekordzahl an Stationen rund um den Globus ins Guinness-Buch der Rekorde fĂŒhren sollte. In insgesamt 55 Verpflichtungen arbeitete Gutendorf auf nahezu allen Kontinenten, unter anderem in LĂ€ndern wie Iran, Chile oder Ruanda. Dabei verstand er sich stets auch als FuĂballbotschafter, der den Sport in den Dienst von VerstĂ€ndigung, Austausch und gesellschaftlichem Engagement stellte.
Trotz seiner weltweiten TĂ€tigkeit zog es ihn immer wieder zu seinen Wurzeln zurĂŒck. Auch wenn er zeitlebens bekennender AnhĂ€nger des FC Schalke 04 war, blieb âseineâ TuS Koblenz fĂŒr ihn eine Herzensangelegenheit. RegelmĂ€Ăig verfolgte er Spiele im Stadion Oberwerth und mischte sich unter die Zuschauer, um die Blau-Schwarzen zu unterstĂŒtzen. So feierte er auch seinen 90. Geburtstag im Stadion. Ein dauerhaftes offizielles Amt bei der TuS blieb ihm jedoch verwehrt: Zwar wollte er in der Saison 1998/99 als Sportdirektor und Berater helfen den Verein neu aufzustellen, doch schon bald wurde er seinem Beinamen âRudi Rastlosâ erneut gerecht. Er folgte einem Engagement in Ruanda, wo er nach dem BĂŒrgerkrieg die Nationalmannschaft ĂŒbernahm. Dort gelang ihm etwas AuĂergewöhnliches: Er formte aus Spielern verschiedener verfeindeter Bevölkerungsgruppen ein Team und setzte damit ein starkes Zeichen dafĂŒr, dass Sport verbinden kann, was zuvor getrennt war.
Dass sein Wirken weit ĂŒber den FuĂball hinausging, zeigte sich auch in seinem sozialen Engagement. So grĂŒndete Gutendorf die âLotto-Elfâ, eine Traditionsmannschaft mit ehemaligen Nationalspielern wie Wolfgang Overath, Guido Buchwald oder Horst Eckel, die fĂŒr wohltĂ€tige Zwecke spielte. Bis 2012 betreute er das Team selbst aktiv. Bis heute konnten so mehrere Millionen Euro (zuletzt rund 4,7 Millionen) fĂŒr soziale Projekte gesammelt werden. FĂŒr sein auĂergewöhnliches Engagement in Form seines jahrzehntelangen Einsatzes fĂŒr den Sport, aber vor allem fĂŒr die Menschen, wurde Rudi Gutendorf im Jahr 2011 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Soziales Engagement blieb ihm zeitlebens ein wesentliches Anliegen. Als in der Saison 2017/18 die Idee eines FlĂŒchtlingsteams bei der TuS Koblenz entstand, musste Gutendorf somit nicht lange ĂŒberlegen, ob er sich einbringen wollte. Aus tiefster Ăberzeugung vertrat er die Ansicht, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt aktive Verantwortung erfordert. Durch seine weltweiten Erfahrungen wusste er zudem wie kaum ein anderer um die integrative Kraft des FuĂballs â eine Kraft, die BrĂŒcken bauen kann, wo zuvor Grenzen waren.
Die TuS Koblenz hat vor wenigen Wochen ihr 115. JubilĂ€um gefeiert. Wie Rudi Gutendorf blickt auch der Verein auf eine bewegte Geschichte voller Erlebnisse und Emotionen zurĂŒck: Zeiten geprĂ€gt von Momenten unbĂ€ndiger Freude ebenso wie von schwierigen, dunklen Momenten. In 115 Jahren gab es groĂe FuĂballmomente, die das blau-schwarze Herz höherschlagen lieĂen: die erfolgreichen Jahre der TuS-Elf nach dem Krieg, der Kampf um die deutsche Meisterschaft oder der Durchmarsch in die 2. Bundesliga im Jahr 2006 um nur einige wenige zu nennen. Zugleich waren da aber auch Phasen voller ExistenzĂ€ngste, Insolvenzverfahren und langwieriger BemĂŒhungen um sportliche wie wirtschaftliche StabilitĂ€t. Vielleicht ist es genau diese wechselvolle Geschichte, die Rudi Gutendorf zeitlebens so eng mit âseinerâ TuS verbunden hat. Denn auch die TuS Koblenz ist eine KĂ€mpferin, getragen von unerschĂŒtterlichem Optimismus. Wie Gutendorf selbst lĂ€sst sie sich von RĂŒckschlĂ€gen nicht entmutigen, sondern sucht stets nach einem neuen Weg, nach einer Zukunft.
Gutendorfs auĂergewöhnliche Karriere war geprĂ€gt von seiner Liebe zum FuĂball, seiner Offenheit gegenĂŒber Menschen und seinem tiefen Glauben an Gemeinschaft. Genau diese Werte sind es auch, die die TuS Koblenz bis heute auszeichnen: die LoyalitĂ€t der Fans, die ihren Verein Saison fĂŒr Saison tragen; die Spieler, die schnell spĂŒren, dass die TuS mehr ist als nur ein Klub; und die Verantwortlichen in Vorstand, Trainerteam und Ehrenamt, die mit groĂem Einsatz und Herzblut fĂŒr Blau-Schwarz arbeiten. All das formt die IdentitĂ€t des Vereins und spiegelt zugleich die Haltung wider, die Rudi Gutendorf ein Leben lang verkörperte.
Wir sagen Danke an einen Kosmopoliten mit Koblenz im Herzen, an einen FuĂballlehrer alter Schule, voller Ideen und Leidenschaft. Danke an einen unermĂŒdlichen Optimisten und Motivator, an einen VisionĂ€r mit rheinischer BodenstĂ€ndigkeit, an einen von den Erfahrungen des Krieges geprĂ€gten ĂŒberzeugten Pazifisten. Kurz: an eine der gröĂten und schillerndsten Persönlichkeiten des FuĂballs, die im August 100 Jahre alt geworden wĂ€re.
Danke, Rudi Gutendorf, fĂŒr alles, was du der TuS Koblenz und dem FuĂball gegeben hast.
Laura Gilles fĂŒr die TuS Koblenz
Foto: IMAGO / Martin Hoffmann







